Mittwoch, 4. Februar 2026

Das Chalandamarz in Sils

Eine jahrhundertealte Tradition im Engadin


Lesezeit:           4 Min.
Publikation:      04. Februar 2026, Jonathan Schönholzer

Der 1. März beginnt in Sils nicht leise. Schon früh hallen Glocken durch die Gassen, vermischen sich mit Kinderstimmen und dem Knirschen von Schnee unter schweren Schuhen.
Chalandamarz 2026 ist in Sils mehr als ein Datum im Kalender, es ist ein lebendiges Stück Engadiner Identität, das jedes Jahr aufs Neue spürbar macht, wie stark Tradition und Gemeinschaft hier verwoben sind.

Ein Dorf im Rhythmus der Glocken

In ihren blauen Hemden und roten Zipfelmützen ziehen die Kinder und Jugendlichen durch das Dorf, bewaffnet mit grossen und kleinen Glocken. Der Rhythmus ist kein Zufall: Mit jedem Schritt, jedem Schwung soll der Winter vertrieben werden. Was archaisch klingt, ist bis heute fest im Alltag verankert. Chalandamarz ist kein folkloristisches Schauspiel für Zuschauer, sondern ein Fest, das von den Einheimischen getragen wird und in das Gäste behutsam eintreten dürfen.

Sils unterscheidet sich dabei spürbar von anderen Engadiner Orten. Der Umzug wirkt hier intimer, beinahe persönlicher. Man kennt sich, man grüsst sich, man bleibt stehen, um zuzuhören. Die traditionellen Lieder, auf Romanisch gesungen, erzählen vom Frühling, von Neubeginn und vom Zusammenhalt. Auch 2026 liegt in diesen Stimmen etwas Zeitloses, als würde sich für einen Moment eine Brücke zwischen Generationen spannen.

Zwischen Brauchtum und Alltag

Nach dem Umzug füllen sich Dorfplatz und Gasthäuser. Es wird gelacht, diskutiert und gegessen. Typische Speisen wie die süssen Chalandamarz-Küchlein wechseln die Hände, während Kinder stolz ihre Rolle im Umzug reflektieren. Für viele Familien gehört dieser Tag zu den wichtigsten des Jahres, ein Moment, in dem Tradition nicht erklärt, sondern gelebt wird.

Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich sich das Brauchtum in den modernen Alltag einfügt. Besucher erreichen Sils oft bequem mit der Rhätischen Bahn, die auch an diesem besonderen Tag zuverlässig durch die verschneite Landschaft fährt. Schon die Anreise stimmt auf das Erlebnis ein: Weite Täler, klare Luft und das Gefühl, langsam in eine andere Zeit einzutauchen.

Ein stilles Versprechen an den Frühling

Chalandamarz 2026 zeigt eindrücklich, dass Tradition kein starres Relikt ist. Sie verändert sich, bleibt aber in ihrem Kern gleich. Kinder wachsen hinein, übernehmen Verantwortung, lernen Lieder und Bedeutungen, die weit über den einzelnen Tag hinausreichen. Für Gäste eröffnet sich die seltene Gelegenheit, Teil eines lebendigen Rituals zu sein, nicht als Konsumenten, sondern als respektvolle Beobachter.

Am Nachmittag kehrt langsam Ruhe ein. Die Glocken verstummen, der Schnee trägt wieder nur vereinzelte Schritte. Doch etwas bleibt zurück: das Gefühl, Zeuge von etwas Echtem gewesen zu sein. Chalandamarz in Sils ist kein grosses Spektakel, sondern ein stilles Versprechen, dass der Frühling kommt, dass Gemeinschaft trägt und dass manche Traditionen gerade deshalb überleben, weil sie nicht erklärt werden müssen.

Bitte beachten Sie, dass alle Angaben ohne Gewähr sind und Änderungen vorbehalten bleiben. Wir empfehlen, aktuelle Informationen direkt auf den jeweiligen Webseiten einzusehen.

Bildquelle: Hans via Pixabay

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